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Gottesdienste - ONLINE

RSSPrint

Gottesdienst der Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde

Sonntag, Lätare, 22. März 2020

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;
wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
(Johannes 12,24)


Psalm 84:

2 Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth!
3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
4 Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.
5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.
6 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
7 Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, / wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
8 Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.
9 HERR, Gott Zebaoth, höre mein Gebet;
vernimm es, Gott Jakobs!
10 Gott, unser Schild, schaue doch;
sieh an das Antlitz deines Gesalbten!
11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen
ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in den Zelten der Frevler.
12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; / der HERR gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
13 HERR Zebaoth, wohl dem Menschen,
der sich auf dich verlässt!



Tagesgebet:

Gott,
Halt unseres Lebens bist du in Angst.
Du bist uns Zuversicht in Zweifel.
Du bist uns nahe in Traurigkeit.
Stecke uns an mit deiner Lebenskraft,
die uns begegnet in Jesus Christus unserem Bruder,
die lebendig wird durch den Heiligen Geist.
Amen



Alttestamentliche Lesung:
Jesaja 66, 10-14


10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.



Wochenlied: EG 396: Jesu, meine Freude

1) Jesu, meine Freude, / meines Herzens Weide, / Jesu, meine Zier,

ach wie lang, ach lange / ist dem Herzen bange / und verlangt nach dir!

Gottes Lamm, mein Bräutigam, / außer dir soll mir auf Erden
/ nichts sonst Liebers werden.

2) Unter deinem Schirmen / bin ich vor den Stürmen / aller Feinde frei.

Lass den Satan wettern, / lass die Welt erzittern, / mir steht Jesus bei.

Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, / ob gleich Sund und Hölle schrecken,
/ Jesus will mich decken.

3) Trotz dem alten Drachen, / trotz dem Todesrachen, / trotz der Furcht dazu!

Tobe, Welt, und springe; / ich steh hier und singe / in gar sichrer Ruh.

Gottes Macht hält mich in acht; / Erd und Abgrund muss verstummen,
/ ob sie noch so brummen.

4) Weg mit allen Schätzen! / Du bist mein Ergötzen, / Jesu, meine Lust.

Weg, ihr eitlen Ehren, / ich mag euch nicht hören, / bleibt mir unbewusst!

Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod / soll mich, ob ich viel muss leiden,
/ nicht von Jesu scheiden.

5) Gute Nacht, o Wesen, / das die Welt erlesen, / mir gefällst du nicht!

Gute Nacht, ihr Sünden, / bleibet weit dahinten, / kommt nicht mehr ans Licht!

Gute Nacht, du Stolz und Pracht; / dir sei ganz, du Lasterleben,
/ gute Nacht gegeben!

6) Weicht, ihr Trauergeister! / denn mein Freudenmeister, / Jesus, tritt herein.

Denen, die Gott lieben, / muss auch ihr Betrüben / lauter Freude sein.

Duld ich schon hier Spott und Hohn, / dennoch bleibst du auch im Leide,
/ Jesu, meine Freude.



Evangelium: Johannes 12, 20-24

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.
21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen.
22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus.
23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.



Gedanken zu Jesaja 66, 10-14:

Liebe Gemeinde,

seltsame, verwirrende Bilder kommen uns vor Augen, wenn wir den Text aus dem Jesajabuch lesen. Erst eine Stadt als Mutter, Heimkehrende, die zu Säuglingen werden und sich an ihren Brüsten statt trinken und dann: Gott als Mutter. Welcher Sinn verbirgt sich dahinter?

Wir können nur ahnen, wann und wie dieser Text geschrieben wurde, nämlich im 6. Jahrhundert vor Christus, als das Volk Israel aus dem Babylonischen Exil zurückkehren konnte. Einige hatten sich in der Ferne gut eingerichtet und lehnten es ab, in die zerstörte Stadt zurückzukehren. Jerusalem war ein einziger Trümmerhaufen, so schlimm, dass man an einigen Stellen zu Fuß nicht mehr durchkam.
An sie ist der Text nicht gerichtet, sondern an alle, die sich der Zerstörung stellen und dem Wiederaufbau, auch des Tempels, an alle, die Jerusalem lieb haben, wie wir gleich in der ersten Zeile lesen können:
Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

Soweit die Situation der Entstehung. Wir aber müssen uns die Frage stellen:
Wie spricht dieser Text genau heute zu uns?
Weder leben wir vor 2600 Jahren in Babylon noch leben wir damals oder heute in Jerusalem, noch sind wir jüdischen Glaubens.

Es gibt aber einen Kern in diesem Text, der uns alle tief berührt:
Es wird von Menschen erzählt, die verunsichert sind, so sehr verunsichert sind, dass sie sich auf ein Gedankenspiel einlassen sollen: stellt euch vor, ihr seid noch einmal kleine Kinder, Säuglinge, die von ihrer Mutter genährt werden, die auf den Armen getragen werden, die auf ihren Knien sitzen.
In diesen Tagen fühlen sich vermutlich viele Menschen unsicher, gern würden sie umsorgt werden wie ein kleines Kind. Andererseits sind wir eigener Entscheidungen enthoben. Es ist nicht allein unsere Entscheidung, was wir tun und was wir lassen. In den ersten Tagen machte sich vielleicht das Gefühl breit: Wir werden bevormundet, bis wir verstanden haben: die Situation ist so ernst, dass wir uns den Beschränkungen fügen zum Wohle aller.

Unmerklich wandelt sich das Bild im Text: Nicht Jerusalem ist mehr die Mutter, sondern Gott.
Gott als Mutter – das wäre doch ein schönes Gedankenspiel. Die Rabbinerin Margret Moers Wenig hat in einer Predigt zu Jom Kippur diese Gedanken ausgemalt. Gott ist hier eine Mutter, die alt geworden ist. Alt wie die Welt, alt wie ihre Kinder:
„Und was wäre, wenn wir es täten? Was wäre, wenn wir wirklich nach Hause gingen und Gott an diesem Jom Kippur besuchten? Wie würde es sein?

Gott würde uns in ihre Küche führen, uns an ihrem Tisch einen Platz anbieten und Tee einschenken. Sie ist schon so lange allein gewesen, dass sie uns vieles sagen möchte. Aber wir lassen sie kaum zu Wort kommen, denn wir haben Angst vor dem, was sie sagen könnte, aber ebenso vor der Stille. So füllen wir die Stunde mit unserem Geschwätz. Worte, Worte, so viele Worte. Bis sie endlich ihren Finger an die Lippen legt und sagt: "Sch, sch, sei still, sch..."

Dann schiebt sie ihren Stuhl zurück und sagt: "Lass dich anschauen." Und sie schaut. Mit einem einzigen Blick sieht uns Gott als beides, als neu geboren und sterbend, wie wir hustend und weinend mit unserem Kopf nach ihrer Brust suchen, voller Angst vor dem unbekannten Reich, das vor uns liegt.

Mit einem einzigen Blick sieht sie unsere Geburt und unseren Tod und all die Jahre dazwischen. Sie sieht uns, als wir jung waren, als wir für sie schwärmten und ihr vertrauensvoll überall hin folgten, als unsere Schrammen und blauen Flecke schnell heilten und wir voller Staunen waren über alles Neue (ein neues Kleid, einen Führerschein, das neue Gefühl in unserem Körper, als wir zum ersten Mal einem Freund erlaubten, ihn zu berühren).
Sie sieht uns, als wir jung waren und dachten, dass es nichts gäbe, das wir nicht tun könnten. Sie sieht uns auch in unseren mittleren Jahren, als unsere Kräfte unbegrenzt schienen. Als wir den Haushalt versorgten, kochten, putzten, Kinder hüteten, arbeiteten und ehrenamtlich tätig waren..., als alle uns brauchten und wir kaum Zeit zum Schlafen fanden.

Und Gott sieht uns in unseren späteren Jahren, als wir uns nicht mehr so gebraucht fühlten, als chaotische Zustände den Rhythmus unseres Körpers durcheinander brachten, auf den wir gelernt hatten, uns zu verlassen. Sie sieht uns allein in einem Zimmer schlafen, in dem einst zwei geschlafen hatten. Gott sieht Ereignisse unseres Lebens, die wir vergessen haben, und solche, von denen wir noch nichts wissen. Denn nichts ist dem Blick Gottes verborgen.“1

Liebe Gemeinde, das ist doch ein tröstliches Bild: Wir sitzen bei Gott in der Küche und trinken Tee. Wir können ihr oder ihm alles erzählen, was wir runtergeschluckt haben, was wir verdrängt haben. Wir können Gedanken aufkommen lassen, für die wir keine Zeit hatten in den letzten Jahren. Wir können von unserer Angst und Ohnmacht einfach so am Küchentisch erzählen. „Ich will euch trösten“, sagt Gott.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

Pfarrerin Viola Türk

 

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1 Quelle: www.hagalil.com/judentum/feiertage/kippur/frau.htm

Letzte Änderung am: 21.03.2020