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Gottesdienste - DIGITAL

RSSPrint

Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias

31. Januar 2021

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde

2. Petrusbrief 1, 16-19:
Denn wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundtaten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Denn er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen, als eine
Stimme von erhabener Herrlichkeit an ihn erging: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das prophetische Wort für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu halten, wie ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.


Liebe Gemeinde,


worauf gründet der Glaube? Das ist die Frage, die hinter diesem Text steht. Nicht auf klug ausgedachten Geschichten. Im Griechischen steht das Wort Mythen, das wir auch im Deutschen benutzen für uralte Geschichten, die wörtlich genommen unglaubwürdig sind, aber doch eine tiefe Wahrheit überliefern können. Der hier im Namen des Apostels Petrus einen Brief an eine Gemeinde schreibt, behauptet, er selbst sei Augenzeuge gewesen bei der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor, von der wir im Evangelium gehört haben. (Für alle, die diesen Text nur lesen können: Sie steht im Matthäusevangelium, Kapitel 17, 1-9). Neben Jesus erscheinen dort den Jüngern, die mit Jesus auf den Berg gestiegen sind, Mose und der Prophet Elia. Wahrscheinlich war der Petrus dieses Briefes aber nicht der Jünger Jesu, der begeistert ausruft: „Herr, hier ist gut sein! Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia“. Wahrscheinlich war er noch gar nicht geboren, als Jesus lebte. Und doch stellt er sich in eine Reihe mit den Augenzeugen von damals. Darf er das denn? Kann er das denn?


Nein, wir sind nicht ausgeklügelten Geschichten gefolgt, nein, wir gründen unseren Glauben nicht auf Mythen. Warum sagt einer so etwas? Vermutlich begegnet er einem Vorwurf: euer Glauben ist doch lächerlich. Als moderner Mensch kann man doch nicht mehr an Gott glauben, das sind doch nur fabelhafte Geschichten, die uns heute nichts mehr sagen. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in die Situation geraten sind, wegen Ihres Glaubens verhöhnt worden zu sein. Dann wissen Sie, wovon unser Petrus hier spricht. Es kann aber auch eine Frage sein, die wir uns selbst stellen: Worauf gründet mein Glauben, warum halte ich daran fest? Oder auch: warum gibt es Zeiten, in denen er mir zu entgleiten droht?


Im Judentum gibt es zur Geschichte des Auszugs des Volkes Israels aus Ägypten die Haggada: eine erzählende Erklärung, die immer wieder am Pessach-Fest gemeinsam gelesen wird. Darin heißt es: „In jeder Generation soll der Mensch sich so betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen“. Das bedeutet nicht, rückwärtsgewandt zu leben, sondern als ein Mensch, der von der Vergangenheit weiß, in der Gegenwart zu leben. Es heißt auch: die Erfahrungen vergangener Generationen werden ernst genommen, auch ihre Glaubenserfahrungen.


Unser Petrus steht noch in dieser Tradition, deshalb kann er sagen: Wir waren Augenzeugen. Denn er teilt diese Überzeugung mit anderen Christen, die an die
Offenbarung der Herrlichkeit Gottes durch Jesus Christus glauben. Nachdem Petrus die Geschehnisse der Verklärung auf dem Berg Tabor kurz umrissen hat, wechselt er in seinem Brief in die Gegenwart: Dadurch ist das prophetische Wort für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu halten, wie ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.


Überzeugungen, die unserem Glauben und unserer Erfahrung entspringen, können wir mitteilen, aber wir können sie keinem anderen aufzwingen. Im Gegenteil, wenn wir jemandem erzählen, dass wir an der derzeitigen Situation leiden, und der Gesprächspartner uns erzählt, wie gut ihm geht, weil er diese oder jene Erfahrung gemacht hat, ist das eher verletzend und erzeugt Widerstand. Schön für dich, sagen wir uns dann, aber bei mir ist es eben anders. Ganz so plump macht es unser Petrus aber nicht. Er schreibt: für uns ist das prophetische Wort sicherer dadurch geworden. Er teilt mit, dass es für ihn gut war, sich in die Reihe der Augenzeugen zu stellen, die Erfahrungen der Glaubens-Vorfahren ernst zu nehmen. Glauben, also das Vertrauen darauf, dass Gott wie ein Licht für uns sein kann, können wir niemandem aufzwingen. Wir können nur uns selbst in unseren Zweifeln oder anderen, die zu verzweifeln drohen von unserer Überzeugung sagen, dass es nicht immer so bleiben wird.


Petrus findet dafür ein wunderbares Bild: das prophetische Wort wie ein Licht zu halten, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in unseren Herzen. Das erinnert noch einmal an die Weihnachtsgeschichte. Das Volk, das im Finstern wandelt sieht ein großes Licht. Oder: Der Morgenstern ist aufgegangen.
Wie kann das gehen? Das Licht festzuhalten? Zwei Gedanken, nicht von mir: Der erste ist ein Gedicht, das die Finsternis, die uns beherrschen kann, sehr deutlich beschreibt:


Am Toten Punkt
was treibt mich an
am Toten Punkt
wer treibt mich an
der Tote Punkt
ist keine Rast
der Tote Punkt
ist Warten

der Tote Punkt
ist Wartequal
der Tote Punkt
ist Nichtstunqual
der Tote Punkt
ist Schweigen
der Tote Punkt
ist Toter Punkt
toter Punkt
Toter Punkt
Todpunkt.


Der tote Punkt ist der Moment, an dem etwas zum Stillstand zu kommen scheint, am toten Punkt geht es erstmal nicht mehr weiter. Aber so ist das Leben nicht. Unser Leben ist nicht Mechanik, nicht Mathematik. Unser wirklicher Tod ist auch nur ein
Punkt, über den wir nicht hinausblicken können. Das prophetische Wort, von dem Petrus spricht sagt: Christus ist auferstanden. Die Verklärung Jesu war wie eine Vorwegnahme der Auferstehung, ein Moment, die Herrlichkeit Gottes zu erkennen. Aber natürlich: auch zwischen dem Leben Jesu und der Auferstehung war dieser Todpunkt.


Deshalb der zweite Gedanke, auch nicht von mir, aber eine Möglichkeit, Tote Punkte im Leben auszuhalten.
Der griechische Philosoph Epiktet war ein Zeitgenosse unseres Petrus. Er gehörte zur Schule der Stoiker. Er sagte: Nicht die Dinge und Verhältnisse machen uns Angst, sondern unsere Meinungen über die Dinge und Verhältnisse.


Wenn uns also etwas bedrückt, und im Moment erlebe ich viele Leute als bedrückt und irgendwie gedämpft, dann dürfen wir uns fragen: welches Licht kann ich in die Hand nehmen, das mir weiterhilft? Oder im Sinne Epiktets: wo sind es meine eigenen Gedanken, die mir Angst machen und das Licht verdunkeln?


Denn das Licht muss doch da sein. So viele haben es bezeugt. Es scheint, nicht nur in der Weihnachtszeit.


Amen


Predigt als Download (PDF)

Letzte Änderung am: 31.01.2021