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Gottesdienste - DIGITAL

RSSPrint

Predigt an Palmarum

Sonntag 28. März 2021

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde

Liebe Gemeinde,

wir gehen auf Ostern zu, aber vor Ostern liegt die Karwoche.
Man könnte sagen: Wieso sollen wir eine Woche lang trauern? Eine Woche lang beklommen sein? Eine Woche lang den normalen Lauf des Jahres unterbrechen? Heute ist Palmsonntag, am Gründonnerstag dieses Jahres werden wir zum zweiten Mal kein Tischabendmahl in unserer Kirche feiern. Am Karfreitag gibt es einen Gottesdienst mit viel Musik. Dann gehen wir in die Stille bis Ostermorgen. Ist das eine künstliche Unterbrechung unseres normalen Lebens? Ist das aufgesetzt? Oder könnte es wichtig sein für uns und für unser Leben?

Helga Schubert schreibt in der Kurzgeschichte: Mein Ostern:
In allen anderen Vorgärten hängen schon Wochen vor Ostern die ausgeblasenen und dann bemalten Hühnereier oder die Plastikeier im Wind, in den Regalen reihen sich die Osterhasen.
Nur ich will den Osterbaum erst am Ostersonnabend schmücken.
Denn: Seit meinem sechsten Lebensjahr bin ich in der Woche vor Ostern beklommen. Ich muss in der Karwoche täglich daran denken, was Er an diesem Tag gerade macht: Am Palmsonntag auf einem Esel der bejubelte Einzug in Seine Stadt, beim letzten Abendmahl, am Ölberg, wie Er verraten und verhaftet wird, wie Er als angeklagter Aufrührer vor Pilatus steht, der Ihn sogar begnadigen würde, denn ihm ist gar nicht wohl bei dem Todesurteil, wie Er Sein Kreuz den Berg hinaufträgt, wie links und rechts von Ihm Mörder hängen, wie der Himmel aufreißt, als Er stirbt. So geht das bis Karfreitag.
(Helga Schubert: Vom Aufstehen. München 2021, Seite 49)

Wenn wir das genauso ernst nehmen, ist diese Woche wirklich eine besondere.
Zu meiner Kindheitserinnerung gehört ein Lied, das lange aus der Mode gekommen ist:

1. - Als Jesus von seiner Mutter ging, / die große Heilige Woche anfing, / da hatte Maria viel Herzeleid, / sie fragte ihrn Sohn mit Traurigkeit:

2. - "Ach Sohn, du liebster Jesus mein, / was wirst du am heiligen Sonntag sein?" "Am Sonntag werd ich ein König sein, / da wird man mir Palmen und Kleider streun."

Und so geht es die ganze Woche durch. Drei Beispiele sollen genügen:
Am Montag bin ich ein Wandersmann, / der nirgends ein Obdach finden kann.
Am Donnerstag bin ich im Speisesaal / das Opferlamm beim Abendmahl.
Am Samstag bin ich ein Weizenkorn, / das in der Erde wird neugeborn.

In meiner kindlichen Frömmigkeit hat mich dieses Lied tief berührt und es war gut, für jeden Tag eine Antwort auf die Frage zu hören: was wirst du an dem und dem Tag sein. Es gab Halt und Vorstellungskraft für diese Woche. Es ging auf Ostern zu. Die Grausamkeit des Geschehens hatte eine künstlerische Verfremdung erhalten.

Ich glaube: wir brauchen diese Woche zur Vergewisserung unseres Glaubens.
Am Anfang und am Ende des 11. Kapitels des Hebräerbriefs lesen wir:

1 Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht. 2 Aufgrund dieses Glaubens haben die Alten ein gutes Zeugnis erhalten.

39 Doch sie alle, die aufgrund des Glaubens besonders anerkannt wurden, haben das Verheißene nicht erlangt. (Hebräer 11, 1-2+39)
Dazwischen liegt eine Vergegenwärtigung von Geschehnissen, die im Alten Testament beschrieben werden, die glaubenden Menschen widerfahren sind.

39 Doch sie alle, die aufgrund des Glaubens besonders anerkannt wurden, haben das Verheißene nicht erlangt. Das ist seine Quintessenz. Eine bittere Wahrheit. Jemand glaubt und hofft und erlangt es nicht. So wie Mose zwar das Volk aus der Sklaverei in Ägypten führt, aber selbst das verheißene Land nicht mehr betreten darf, sondern es nur noch schauen vom Berg Nebo aus.

Müsste diese Erkenntnis uns nicht zur Verzweiflung führen? Wir hoffen und glauben und erlangen es nicht? Aber er beginnt dieses Kapitel doch so zuversichtlich:
Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.

Und die doch da sind. Worauf er hinaus will, ist, dass Glauben immer ein Weg ist, den man beschreiten muss: Auf Hoffnung hin ging das Volk Israel in die Wüste und wurde, wenn auch nach viel Mühsal und vielen Irrwegen, nach Gefahren und Zweifeln schließlich gerettet. Aber nicht auf einen Schlag. Nicht sofort. 40 Jahre lang wanderten sie durch die Wüste.

Gestern feierten die jüdischen Gemeinden den Sederabend, der das Passafest einläutet. Man isst Mazze, also ungesäuertes Brot in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, als keine Zeit mehr war, den Brotteig durchsäuern zu lassen. Vorher wurde das ganze Haus geputzt und die Kinder dürfen nach Mazzekrümeln suchen. Das jüngste Kind fragt: Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Und der Leiter des Abends antwortet darauf mit rituellen Antworten, die Geschichte des Auszugs des Volkes Israel wird wieder und wieder erzählt. Es ist ein Festmahl, das in der Gemeinde oder in der Familie gehalten wird – dieses Jahr eben auch in kleinerem Kreis, so wie unser Osterfest in einer Woche. Es war der Sederabend, an dem Jesus mit seinen Freunden zum letzten Abendmahl zusammensaß.

Nicht nur die Kinder Israels brauchten viel Hoffnung, um zu glauben, dass am Ende die Freiheit stehen würde, es gibt unzählige Beispiele in der Bibel, in der Glauben und Hoffen zusammengehören. Es gibt unzählige Beispiele von Gläubigen, im Judentum, wie im Christentum, die zum Glauben auf Hoffnung angewiesen waren. Deshalb geht der Hebräerbrief am Anfang des 12. Kapitels so weiter:
1 Darum wollen auch wir, die wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, alle Last und die Sünde abwerfen, die uns so leicht umstrickt. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt, 2 und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt. 3 Richtet also eure Aufmerksamkeit auf den, der solche Anfeindung von Seiten der Sünder gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermattet und mutlos werdet!

Ausdauer im Wettkampf, der vor uns liegt. Schande und Niederlagen ertragen. Dem Tod ins Gesicht sehen. Glauben und Hoffen ist nicht immer leicht. Im Mischna-Traktat zum Passafest heißt es: „In jeder einzelnen Generation ist jedermann verpflichtet, sich selbst anzusehen, als ob er aus Ägypten ausgezogen wäre“. Auf dem Weg sein und Glauben nicht als Besitz anzusehen, sich infrage stellen zu lassen, sich auch selbst fragen, was denn die Grundlage dessen sei, was wir erhoffen. Dafür ist diese Woche gut. Vielleicht gelingt es uns in diesem Jahr – mit so wenigen Ablenkungen und gesellschaftlichen Verpflichtungen, uns dafür wieder mal Zeit zu nehmen. Sich Zeit zu nehmen für den Gedanken, dass auch Jesus nicht von Palmsonntag bis Ostersonntag der strahlende Held war, sondern scheinbar der totale Verlierer, verlassen von Gott und der Welt.

Die Erzählung von Helga Schubert endet, nachdem sie über ihr kindliches Erleben der Karwoche erzählt hat:
Heute weiß ich: in dieser einen Woche vor Ostersonntag passiert alles, was ich inzwischen vom Leben verstanden habe:
Wie schnell sich das Schicksal für einen Menschen ändert, dass man verraten werden kann.
Dass es immer unvermuteten Beistand gibt und einen Ausweg.
An diese Hoffnung will ich erinnert werden.
Einmal im Jahr.
(Helga Schubert: Vom Aufstehen. München 2021, Seite 51f)

Amen

 

Pfarrerin Viola Türk

Letzte Änderung am: 30.03.2021