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Gottesdienste - DIGITAL

RSSPrint

Predigt an Jubilate

Sonntag 26. April 2021

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde

Ruft nicht die Weisheit, erhebt nicht die Klugheit ihre Stimme? Oben auf den Höhen, auf der Straße, an der Kreuzung der Wege steht sie; neben den Toren, wo die Stadt beginnt, am Zugang zu den Häusern ruft sie laut: Euch, ihr Leute, lade ich ein, meine Stimme ergeht an alle Menschen: Ihr Unerfahrenen, werdet klug, ihr Törichten, nehmt Vernunft an! Hört her! Aufrichtig rede ich. Redlichkeit ist, was meine Lippen öffnet.

Der HERR hat mich geschaffen als Anfang seines Weges, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde.
als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit.
Selig der Mensch, der auf mich hört. Wer mich findet, findet Leben und erlangt das Gefallen des HERRN. Doch wer mich verfehlt, der schadet sich selbst. (aus: Sprüche 8)


Predigt am Sonntag Jubilate über Apostelgeschichte des Lukas, Kap. 17

Weisheit ist eigentlich ein merkwürdiges Thema für einen Jugendgottesdienst. Weisheit wird oft mit dem Alter in Verbindung gebracht und die Jugendlichen stöhnen unter den Sprüchen der Eltern und Großeltern und Lehrerinnen und Lehrer. Was wollen die uns eigentlich sagen? Wir wollen doch selbst die Welt entdecken und unsere eigenen Erfahrungen machen. Und das ist auch genau richtig so. Wir haben genauso gestöhnt. Jedes Alter hat seine eigene Weisheit. Kinder erfassen Dinge anders als Jugendliche, Jugendliche anders als Erwachsene. Die Kunst besteht darin, miteinander zu reden und zu versuchen, sich zu verstehen. Dann kann man so einiges voneinander lernen.

Nicht nur Menschen unterschiedlichen Alters können sich gegenseitig befruchten, wenn sie aufeinander hören und miteinander reden, sondern auch Menschen unterschiedlicher Kulturen, verschiedener Geschlechter und verschiedener Herkunft, nämlich wenn wir unsere Erfahrungen miteinander teilen und unser Wissen. Weisheit ist dann wohl, die Welt nicht nur mit den eigenen Maßstäben zu messen, sondern zur Kenntnis zu nehmen, dass andere Menschen anders denken, anders fühlen, die Welt anders sehen. Dann ist Weisheit keine Frage des Alters, sondern der Neugier, des Sich-Einlassens auf die Welt und auf andere Menschen.

Aber: Ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Nicht bei allem, was nicht mit meinen Überzeugungen übereinstimmt, kann ich mit Gelassenheit hinnehmen, dass der andere da eben anderer Meinung ist. Vor allem nicht, wenn ich glaube, die Wahrheit erkannt zu haben. Manche bleiben ganz entspannt und es ist ihnen relativ egal, ob es eine absolute Wahrheit gibt, andere geraten da erst in Hochform, wie bei einem sportlichen Wettkampf. So war auch unser Paulus. Er liebte es, Streitgespräche zu führen, lange Briefe zu schreiben, Vorträge zu halten, bis die Leute einschliefen. Einer fiel dabei sogar mal aus dem Fenster.

Eines Tages nun, so erzählt es Lukas in seiner Geschichte über die Apostel, also über die Anfänge der christlichen Bewegung, kam Paulus nach Athen. Athen, das muss man sich so vorstellen, wie wenn man heute nach Los Angeles oder New York, nach Paris, London, oder eben auch nach Berlin kommt. Aber nicht nach Lankwitz mit seinen freundlichen Vorgärten, sondern eher in den Friedrichshain oder an den Potsdamer Platz. In den Großstädten der Welt findet man vor allem das, was gerade angesagt ist.

Zur Zeit des Paulus waren das keine shopping malls, keine Clubs und nicht die Börse, sondern es waren kunstvoll gebaute Tempel, z.B. auf der Akropolis, aber auch sonst in Athen standen vermutlich überall Götterstandbilder herum. Darüber konnte sich Paulus natürlich fürchterlich aufregen. Als frommer Jude wusste er schon immer: Du sollst dir kein Bild machen von Gott. Nun war er aber Christ geworden. und wollte allen von seinem Glauben an Jesus Christus erzählen: Den Juden in Athen und denen, die sich für die Synagogen interessierten, und dann ging Paulus weiter auf den Marktplatz und traf dort auf Philosophen. Das war so eine Art Markenzeichen von Athen, dass dort zwei Philosophenschulen miteinander stritten. Die einen waren die Stoiker. Sie stellten sich die Welt als große harmonische Einheit vor. Der Mensch muss in dem Kosmos, zu dem er auch gehört, seinen Platz finden, in Selbstbeherrschung sein Schicksal akzeptieren lernen und nach Weisheit streben. Unerwünschte religiöse Vorstellungen galt es abzubauen. Klingt relativ modern. Daneben gab es die Epikuräer, auch sie strebten nach großem inneren Frieden, betonten aber vor allem die Suche nach Freude und Glück. Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele verwarfen sie: da nach dem Tod nichts mehr folgt, stellt er auch keine Bedrohung dar und man muss ihn nicht fürchten.

Ihr könnt euch vorstellen: die Auseinandersetzung mit diesen beiden Gruppen spornte Paulus geradezu an. Endlich konnte er mal mit Philosophen streiten! Nach ersten Versuchen verlieren die aber die Lust und fragen sich: „Was will denn dieser Schwätzer, dieser Ideen-Lumpensammler hier?“. Andere zeigten mehr Interesse und vermuteten in ihm einen Prediger einer neuen Religion. Womit sie ja irgendwie recht hatten. Sie nahmen ihn also mit auf den Areopag, einem Hügel, wo die Athener sich die letzten Neuigkeiten erzählten. Der Areopag in Athen war so etwas wie unsere social-media-Kanäle. Da wurden Nachrichten ausgetauscht und kommentiert, da gab es sicherlich immer auch ein paar fake news. Nun also zerren sie den Paulus dorthin und geben ihm damit eine Bühne. Er kommt zu Wort und hat ein großes Publikum: „Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du vorträgst?“, fragen sie ihn. „Du bringst uns recht befremdliche Dinge zu Gehör. Wir wüssten gern, worum es sich handelt“.

Da stellte sich Paulus in die Mitte des Areopags und sagte: „Männer von Athen, nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromm und ziemlich gottesfürchtig“. Und, klug wie er ist, findet er einen Anknüpfungspunkt, er denkt jedenfalls, dass er den findet. „Ich bin hier rumgegangen in Athen, ziemlich beeindruckend die Stadt usw. Und da sah ich, dass ihr einen Schrein habt, der dem Unbekannten Gott gewidmet ist“.

Die Athener hatten diesen Schrein eingerichtet in der Angst, sie könnten irgendeinen Gott vergessen haben und der könnte dann böse auf sie werden. Paulus aber, und jetzt kommen wir an einen ganz heiklen Punkt, den ihr sicher auch schon mal erlebt habt: Jemand will euch eure eigenen Gedanken erklären, jemand gibt etwas, was ihr besitzt oder erarbeitet habt, SEINE Deutung und meint, auch ihr würdet jetzt diese Deutung annehmen. Paulus nämlich deutet den Schrein „Dem Unbekannten Gott“ auf den Gott der Juden und Christen, den Schöpfergott, der auch den Menschen erschaffen hat und der es nicht duldet, dass Menschen ihn in einem Standbild verehren. Die Athener hören zu, sie sind interessiert. Dann aber beginnt Paulus von Jesus Christus und der Auferstehung der Toten zu erzählen. Und, erinnert euch, die Philosophen suchten das Glück und die Vervollkommnung des Menschen in diesem Leben. Der Gedanke der Auferstehung von den Toten war ihnen ganz fremd und den nicht philosophisch gebildeten frommen Athenern ebenso. Der große Auftritt des Paulus endet unter Buhrufen und Desinteresse.

Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören.
So ging Paulus aus ihrer Mitte weg. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig, unter ihnen auch Dionysius, der Areopagit, außerdem eine Frau namens Damaris und noch andere mit ihnen.

Was hat Paulus nur falsch gemacht? Er hat argumentiert, er war klug und gebildet. Er wollte beweisen, dass es vernünftig und logisch ist, an den Gott der Juden und Christen zu glauben. Er wollte den gebildeten Philosophen in Athen beweisen, dass es notwendig und klar ist, an die Auferstehung der Toten zu glauben. Er hat nicht gesehen, dass sie ihr eigenes Denk- und Weltsystem hatten, das für sie funktionierte. Bei aller Toleranz und aller Weitherzigkeit müssen wir auch sehen: der Mensch gibt sein Weltbild erst auf und versucht ein neues, wenn das alte durch tiefe Erschütterungen ins Wanken geraten ist. Wir werden niemanden, weder in religiöser noch weltanschaulicher, noch in Fragen der Wahrheit logisch davon überzeugen können, dass er von nun an ein neues braucht. Wenn jemand an Christus als den Auferstandenen glaubt, dann ist das ein Ereignis unabhängig von feurigen Reden und philosophischen Beweisen. Dann ist das Auferstehung.

Amen

Pfarrerin Viola Türk

Letzte Änderung am: 26.04.2021