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Gottesdienste - DIGITAL

RSSPrint

Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias

24. Januar 2021

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde

Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund!


(Beelitz Heilstätten. Foto: Viola Türk)



Liebe Gemeinde,

alle reden gerade von Krankheit. Der häufigste Wunsch heißt seit einem Jahr: „Bleiben Sie gesund, passen Sie gut auf sich auf!“.
Da kommt uns eine Heilungsgeschichte gerade recht. Um es gleich vorweg zu nehmen: Diese Geschichte hat ein happy end. Uns bewegen ja mehr die Krankengeschichten, die kein gutes Ende nehmen. Dennoch: Was kann sie uns erzählen über fast zwei Jahrtausende hinweg?
Die Predigt ist ein Versuch, dies herauszufinden.

Herzlich grüßt Sie Ihre Pfarrerin Viola Türk


Matthäus 8, 5-13

Als er nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn: Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen.
Jesus sagte zu ihm: Ich will kommen und ihn heilen.
Und der Hauptmann antwortete: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund! 9 Denn auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selbst Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.
Jesus war erstaunt, als er das hörte, und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden. Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.
Und zum Hauptmann sagte Jesus: Geh! Es soll dir geschehen, wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde sein Diener gesund.



Liebe Gemeinde,

so eine Fernheilung würden wir uns manchmal wünschen.
Unser Dienstherr geht zum Arzt und sagt: mach meinen Angestellten wieder gesund. Du musst auch nicht kommen. Es reicht, wenn du es anordnest.
Schon diese Konstellation lässt uns aufhorchen. Wo gibt es denn sowas? Wir bräuchten uns selbst nicht bemühen, wir bräuchten keinen Krankenschein und das Beste: wir würden einfach wieder gesund werden. Ein schöner Traum. Wir wissen: So geht es nicht.


Dennoch ist diese Geschichte eine, die uns berührt. Vielleicht stößt sie uns aber auch ab, weil hier ein kompliziertes Geschehen als etwas scheinbar Einfaches erzählt wird. Schauen wir sie uns genauer an:
Ein Hauptmann kommt zu Jesus. Er ist ein Römer, ein Angehöriger der Besatzungsmacht und damit einer, der nicht zum Volk der Juden gehört, der nicht an den Gott der Abrahams, Isaaks und Jakobs glaubt. Er macht sich selbst auf den Weg, weil er möchte, dass sein Diener nicht mehr leiden muss, vielleicht auch, weil er will, dass dieser Diener wieder für ihn arbeiten kann. Jesus ist gleich bereit, zu dem Kranken zu kommen. Da sagt der Hauptmann den berühmten Satz: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund! Das Wort des Hauptmanns von Karfarnaum an Jesus ist ein Gebet geworden. Es wird in der katholischen Messe von allen Gläubigen vor dem Austeilen der Kommunion gebetet mit einer kleinen Abwandlung: So wird meine Seele gesund. Es ist ein demütiger Satz, der das ganze weitere Geschehen in eine neue Richtung lenkt.


Dann erläutert der Hauptmann seine Sicht auf die Welt: es gibt Menschen, die Befehle erteilen dürfen und müssen und andere, die sie ausführen. So erläutert der Hauptmann: auch er erhält Befehle und er kann an andere Befehle richten, an Soldaten und Diener: geht und tut dies oder das.
Jesus hält er für einen ganz großen Befehlshaber. Aber worüber hat Jesus die Macht? Uns begegnet hier die Vorstellung, dass die Krankheit des Dieners hervorgerufen wird von bösen Geistern, die über ihn herrschen. Jesus ist Herr über die Geister. Ein Exorzismus, also die Austreibung dieser Geister, wird den Kranken wieder heilen. Dazu muss er sich nicht in das Haus des Kranken bemühen. Das geht auch aus der Ferne. Unserer Vorstellung von Krankheitsursachen und Heilung entspricht das nicht.


Jesus ist erstaunt, als er das hört, aber nicht, weil ihm diese Krankheitsvorstellung fremd ist. In manchen Heilungsgeschichten wird genau das berichtet, dass er bösen Geistern befiehlt, den Kranken zu verlassen, was diese dann (meistens unter Protest) auch tun und der Kranke, befreit davon, gesundet auf der Stelle.
Jesus ist erstaunt über den Glauben, der ihm hier begegnet. So einen Glauben, stellt er fest, ist ihm in Israel noch nicht begegnet. Das bringt ihn dazu, die Sache zu verallgemeinern: Fremde aus Osten und Westen werden im Himmelreich mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tisch sitzen. Die sich in Sicherheit und dazugehörig wähnten, und meinten, die Dinge seien doch klar, sie gehörten sowieso zu den Auserwählten und Geretteten, werden ausgeschlossen sein. Das ist wieder eine Vorstellung, die uns fremd ist.


Am Ende ist der Diener wieder gesund. Es hat alles ein gutes Ende gefunden.
Was uns verbindet mit der Geschichte: wir wissen so gut wie die Hörer der Guten Nachricht des Matthäus: es ist eine Ausnahmegeschichte. Viel mehr als heute waren damals Kranke ihrem Schicksal ausgeliefert. Deshalb gehen wir vielleicht beim ersten Hören innerlich auf Abstand und denken: hier ist es mal gut gelaufen, aber was ist mit denen, die diese große Freude des Gesundwerdens nicht erleben dürfen? Wir haben in unserer heutigen Zeit große Ansprüche an das Leben. Am liebsten möchten wir alle in guter Gesundheit sehr alt werden. Gerade jetzt aber merken wir: Gesundheit ist etwas, was uns nicht einfach so verfügbar ist. Krankheiten kommen. Oft wissen wir gar nicht, woher sie kommen. Sie brechen in unser Leben ein. Wenn es eine schlimme Krankheit ist, verändert sie unser Leben radikal. Ebenso ist aber Heilung etwas, was uns nicht einfach verfügbar ist. Es gibt niemanden, der befehlen kann, dass die Krankheit, die uns wie ein böser Geist befallen hat, uns wieder verlässt. Wir brauchen, wie der gelähmte Diener, Unterstützung, jemanden, der sich für uns einsetzt. Das kann ein Arzt sein, der die richtige Therapie anordnet, das können Freunde und Verwandte sein, die uns seelisch unterstützen und in praktischen Dingen helfen. Die Krankheit wird hier als ein ganz umfassendes Geschehen kurz umrissen. Sie lähmt und verursacht Schmerzen, der Kranke kommt also nicht mehr von der Stelle. Ohne Hilfe wird es nicht gehen.


Wir können die Geschichte auch so lesen, dass Hauptmann und Diener zwei Seiten einer Person sind: ich habe Schmerzen, ich komme nicht von der Stelle, bin wie gelähmt, aber etwas in mir macht sich auf und holt sich Hilfe, denn so wie es ist, kann es nicht bleiben. Ich suche etwas, das mächtiger ist als das, was mich lähmt.


Das ist ein erster Schritt, ohne den es keine Entwicklung gibt. Das ist eine gute Nachricht.
Die zweite gute Nachricht ist die: es gibt keinen abgeschlossenen Kreis derer, die Heilung erfahren dürfen. Es wird hier ins ganz Große gezogen, denn Jesus zieht gleich den Vergleich mit dem Himmelreich. Sie werden kommen von Osten und Westen. Nur zum erwählten Volk zu gehören, reicht nicht. Wir wissen aus anderen Stellen in der Bibel, dass Jesus immer wieder betont hat, dass das Himmelreich schon nahe ist oder auch: mitten unter uns.
Wo körperliche oder seelische Leiden nicht einfach so geheilt werden können, möchten wir nicht glauben, dass das Himmelreich schon mitten unter uns ist. Wenn wir leiden, fühlen wir uns nicht nur gelähmt, nicht nur schmerzgequält, sondern auch getrennt von der übrigen Welt. Die Welt erscheint uns dunkel und sinnlos, wie unser Leben. Vielleicht drückt Jesus darüber sein freudiges Erstaunen aus: hier hat einer gerufen, um aus dieser Dunkelheit, diesem Gelähmtsein herauszukommen. Das ist nicht selbstverständlich, auch heute nicht.


Wie können wir uns das übersetzen? Es tut uns gut anzuerkennen, dass wir über unser Leben nicht jederzeit frei verfügen können. Es gibt Dinge, die mächtiger sind als unsere Wünsche und unsere Vorstellungen. Niemals wird ein Tag genauso vergehen, wie wir ihn uns am Morgen beim Aufstehen vorgestellt haben. Es passieren immer Dinge, die unerwartet und unverfügbar sind.


Das können kleine Freuden sein oder unerhebliche Enttäuschungen, mit denen wir schnell fertig werden können. Es können aber auch unerwartet große Dinge passieren, gute oder schlechte. Der Hauptmann in seiner Sicht von der Welt als einer von Personen, die einfach nur Befehle ausführen oder erteilen, ist uns sehr fern. Aber sein Glauben, die Dinge seien noch zu ändern, beeindruckt mich. Er glaubt, und das beeindruckt auch Jesus, dass man sich den bösen Geistern nicht einfach ergeben muss, den dunklen Gedanken, der sich ausbreitenden Sinnlosigkeit.


Die kleine Veränderung des Textes, die in jeder katholischen Messe gebetet wird, drückt das gut aus: Aber sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund! Krankheit und Tod, die in unser Leben einbrechen, können vieles zerstören, aber die Seele kann wieder gesund werden. Dass dies geschieht, ist keinem kleinen Kreis Auserwählter vorbehalten. Jeder darf darauf hoffen, jede von uns darf in sich in Trotz, Verzweiflung oder Wut an den wenden, der stärker ist als alles, was uns beherrschen will. Sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund. Mit dieser Bitte im Herzen oder auf den Lippen, wird vieles erträglicher, lernen wir, vielleicht mühsam und unter Schmerzen, aber doch einen Weg vorsichtig zu gehen, auch wenn es ein anderer ist, als der, den wir uns erträumt haben.

Amen



Ein Lied von Robert Neumark aus unserem Gesangbuch (EG 369) passt dazu:

Wer nur den lieben Gott lässt walten

und hoffet auf Ihn allezeit,

den wird er wunderbar erhalten

In aller Not und Traurigkeit.

Wer Gott, dem Allerhöchsten traut,

Der hat auf keinen Sand gebaut.

Was helfen uns die schweren Sorgen?

Was hilft uns unser Weh und Ach?

Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?

Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,

verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen

so wird er bei dir werden neu.

Denn welcher seine Zuversicht

Auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Predigt als Download (PDF)

Letzte Änderung am: 25.01.2021