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Gottesdienste - DIGITAL

RSSPrint

Predigt - Sonntag - Lätare

14. März 2021

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde


Evangelium und Predigttext: Johannes 12, 20-24

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.
21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen.
22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus.
23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Wochenlied: Jesu, meine Freude (EG 396)
Text: Johann Franck 1653
Melodie: Johann Crüger 1653

1) Jesu, meine Freude, / meines Herzens Weide, / Jesu, meine Zier,
ach wie lang, ach lange / ist dem Herzen bange / und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam, / außer dir soll mir auf Erden / nichts sonst Liebers werden.

2) Unter deinem Schirmen / bin ich vor den Stürmen / aller Feinde frei.
Laß den Satan wettern, / laß die Welt erzittern, / mir steht Jesus bei.
Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, / ob gleich Sund und Hölle schrecken, / Jesus will mich decken.

3) Trotz dem alten Drachen, / trotz dem Todesrachen, / trotz der Furcht dazu!
Tobe, Welt, und springe; / ich steh hier und singe / in gar sichrer Ruh.
Gottes Macht hält mich in acht; / Erd und Abgrund muß verstummen, / ob sie noch so brummen.

In unserem Abendgottesdienst hörten wir alle 6 Strophen des Liedes gesungen von Jana Czekanowski-Frankmar.


Predigt über Jesu, meine Freude

Liebe Gemeinde,

wir haben im Evangelium gehört, dass Griechen kommen und Jesus sehen wollen. Der Evangelist Johannes erzählt uns diese Geschichte. Er erzählt damit, dass schon zu Jesu Lebzeiten nicht nur Juden zu den Zuhörern Jesu gehörten, sondern auch Menschen, die zu einer ganz anderen Kultur gehörten, denen das Judentum eigentlich fremd war. Die sich aber für das Judentum interessierte, denn sie waren zum Fest, zum Passahfest, nach Jerusalem gekommen. Dieser Jesus, der interessiert sie auch. Hier entspinnt sich eine kleine, beinahe lustige Szene: Philippus sagt es Andreas, die beiden fassen sich ein Herz und gehen zu Jesus, um ihm das mitzuteilen. Warum so umständlich? Kamen sie nicht an ihn heran? Wagten sie nicht selbst, ihn anzusprechen? Und auch die Jünger wirken so, als sei das eine besondere Sache. Sie gehen zu zweit zu Jesus. Offenbar waren ihre Bedenken gar nicht so von der Hand zu weisen, denn Jesus reagiert merkwürdig. Er weist sie nicht ab, aber er sagt eigentlich: ich habe gerade keine Zeit. So, als käme jemand zu uns zu Besuch und man sagt, komm rein, ich koche dir noch einen Kaffee, aber ich muss jetzt weg. Jesus sagt sinngemäß: Ich muss jetzt los zur Verherrlichung. Und dann folgt das berühmte Wort: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Der Sinn dieses Wortes liegt auf der Hand und da wir wissen, was weiterhin mit Jesus geschah, fällt es uns auch nicht schwer, dieses Wort auf das Leben, Sterben und die Auferstehung Jesu mit all seinen gewaltigen Folgen zu verstehen. Nur: Wo ist unser Platz dabei? Spielen wir in dieser Geschichte eine Rolle?

Das Fest Lätare wird auch Kleines Ostern genannt. Eine Ahnung von Auferstehung in einer Zeit, in der wir auf die Karwoche und endlich auf Ostern zugehen. Kleine Auferstehung, das ist etwas, was wir erhoffen in schwierigen Zeiten.

Das Wochenlied, das uns heute auf besondere Weise durch diesen Gottesdienst begleitet erzählt auf ganz eigene Weise davon. Johann Franck schrieb den Text vor fast 400 Jahren. Er lebte von 1618-77. Geboren wurde in Guben in dem Jahr, in dem der 30-jährige Krieg ausbrach. Nach Studienjahren in Stettin, Thorn und Königsberg kehrte er in seine Heimatstadt Guben in der Lausitz zurück und wirkte dort als Advokat, Ratsherr und Bürgermeister. Seine ersten 30 Lebensjahre hatte er ohne Frieden zugebracht. Ein Drittel der deutschen Bevölkerung war an den direkten oder indirekten Folgen des Krieges gestorben. Hunger, Krankheiten, marodierende Soldaten hatten unendliches Leid über die Menschen gebracht. Sie haben die zweite und die dritte Strophe gehört. Und auch in der vierten wird das noch einmal thematisiert werden. Und dennoch beginnt dieses Lied ganz zart: Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier. Es ist ein Liebeslied. Dafür gab es ein weltliches Vorbild, ein Lied, das in demselben Versmaß geschrieben worden war: Flora, meine Freude. Einige Jahre zuvor, der Krieg wütet noch. Ein literarischer Freundeskreis trifft sich in Königsberg in einer Gartenlaube am Fluss. Einer von ihnen trägt ein Liebesgedicht auf seine Freundin Flora vor:

Flora, meine Freude, meiner Seelen Weide, meine ganze Ruh.
Was mich so verzücket und den Geist bestricket, Flora, das bist du.
Deine Pracht glänzt Tag und Nacht mir für Augen und im Herzen
zwischen Trost und Schmerzen.


Ein anderer nimmt es in seine Liedersammlung auf, so erfährt Johann Franck davon. Er nimmt es mit nach Guben. Dort aber leiden die Menschen noch viel mehr unter den Kriegsfolgen. Ein liebliches Liebesgedicht? Das geht nicht. Aber ein Lied auf die Liebe zu Jesus, das entspricht dem Geist der Zeit, das ist ein Trost in all dem Elend.
(An dieser Stelle waren die 4. und 5. Strophe zu hören)


4) Weg mit allen Schätzen! / Du bist mein Ergötzen, / Jesu, meine Lust.
Weg, ihr eitlen Ehren, / ich mag euch nicht hören, / bleibt mir unbewußt!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod / soll mich, ob ich viel muß leiden, / nicht von Jesu scheiden.

5) Gute Nacht, o Wesen, / das die Welt erlesen, / mir gefällst du nicht!
Gute Nacht, ihr Sünden, / bleibet weit dahinten, / kommt nicht mehr ans Licht!
Gute Nacht, du Stolz und Pracht; / dir sei ganz, du Lasterleben, / gute Nacht gegeben!

Die 5. Strophe ist sehr zeitgebunden: Gute Nacht, ihr Sünden, / bleibet weit dahinten, kommt nicht mehr ans Licht!
Gute Nacht, du Stolz und Pracht. Es ist ein Abschied von den vergänglichen Schönheiten und Annehmlichkeiten der Welt. Erst wenn ich davon unabhängig bin, bin ich wirklich frei. Es kommt uns merkwürdig vor. Aber auch diese Strophe hat ihre Aktualität: freiwilliger Verzicht auf ein Leben, das die Ressourcen der Welt in unangemessener Weise verbraucht, ist ein Thema, das uns beschäftigt. Welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern, wenn wir so weitermachen, wie bisher? Diese Frage müssen wir uns stellen. Und schließlich: Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod / soll mich, ob ich viel muss leiden, / nicht von Jesu scheiden.

Es fällt sicherlich manchem schwer, in Zeiten großer Bedrängnis, zu dieser Haltung zu gelangen: dass die Liebe zu Jesus mich frei macht von äußeren schlechten Bedingungen. Das wenige, was uns vielleicht aus der Zeit des Johann Franck bewusst ist, reicht, um zu verstehen, was die Menschen dachten, wenn sie hörten: Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod. Dasselbe gilt für den Komponisten des Liedes Johann Crüger. Er war es, der auch viele Paul-Gerhardt-Lieder vertonte. Diese schmelzenden Melodiebögen in einer Zeit voller Grausamkeiten und Ungewissheiten zu schreiben, das ist ein Bekenntnis eigener Art.

Und dennoch ist dies alles kein Phänomen, das allein auf die Zeit des Barocks und die Wirren des 30-jährigen Krieges beschränkt bleibt. Hier hinter mir sehen Sie in großen Lettern: Von guten Mächten wunderbar geborgen. Diese Zeilen dichtete Dietrich Bonhoeffer vor Weihnachten 1944 im Gefängnis. Wieder herrschte Krieg und Bonhoeffer wusste, in welch großer Gefahr er schwebte. Sein Ende war grausam und ungerecht.

Bereits im Neuen Testament tauchen Elemente der Liebe zu Christus auf. Der Text, den Johann Franck schrieb, greift frei Bibelzitate auf: aus der Apokalypse, wo die Seele des Gläubigen mit der Braut Christi verglichen wird. Ebenfalls zitiert er das 8. Kapitel des Römerbriefs. Paulus ist eigentlich ein ganz intellektueller Schreiber, dem man Mystik nicht zutraut. Aber auch aus diesem Kapitel des Römerbriefs sind Gedanken für dieses Lied entnommen: Denn ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Mächte, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf uns wird scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Wie kam es zu diesen Vergleichen? Durch die Überzeugung, dass Christus selbst sich liebevoll den Menschen hingab. Weil er nicht unwissend in sein Unheil stolperte, sondern wohl wissend den Tod auf sich nahm, weil er nicht mit Gewalt auf Gewalt reagieren wollte.

Und noch einmal machen wir einen Zeitsprung:

1987. Es ist Kirchentag in Ost-Berlin. Neben der Gethsemane-Kirche ist ein Podium aufgebaut. Ein Liedermacher spielt: Gerhard Schöne. Auch alte Kirchenlieder sind dabei, die Gerhard Schöne in neue Worte gefasst hat.

Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, wahrer Gott.
Wer will dich schon hören? Deine Worte stören den gewohnten Trott.
Du gefährdest Sicherheit. Du bist Sand im Weltgetriebe. Du, mit deiner Liebe.

So können wir die alten Worte neu hören. Weil Gott die Liebe ist, können wir in der Liebe Gott finden. Wer liebt, macht sich nicht zuerst um sich selbst Sorgen. Die Menschen in der Zeit des Barock, die soviel Grausamkeit erlebten, besangen in ihrer Weise ihre Liebe. Sie lebten in dem Glauben, dass Gottes Liebe ihnen gewiss ist, egal, was ihnen widerfuhr. Eine Haltung, die uns weit weg erscheint, aber die doch Eindruck macht, auch auf uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

6) Weicht, ihr Trauergeister! / denn mein Freudenmeister, / Jesus, tritt herein.
Denen, die Gott lieben, / muß auch ihr Betrüben / lauter Freude sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn, / dennoch bleibst du auch im Leide, / Jesu, meine Freude.

 

 

 

 

 

Letzte Änderung am: 15.03.2021