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Gottesdienste - DIGITAL

RSSPrint

Predigt - Sonntag Estomihi

14. Februar 2021

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde

Liebe Gemeinde,


überraschenderweise gibt es im Alten Testament eine Sammlung von Liebesliedern, darin lesen wir:

Schön bist du, meine Freundin, schön bist du, deine Augen sind Tauben hinter deinem Schleier.


So besingt der Bräutigam seine Braut im Hohen Lied der Liebe. Und die Braut singt Ähnliches:
Mein Geliebter – sein Haupt ist reines Gold, seine Locken sind Rispen, rabenschwarz. Seine Augen sind wie Tauben an Wasserbächen, gebadet in Milch, sitzend am Wasser.


Gedichte kann man immer wieder lesen. Besonders schöne kann man auswendig lernen. Gedichte sprechen eine besondere Sprache, die ausdrückt, was wir mit unserer Alltagsprosa nicht erreichen können, diese besonderen Zustände der Seele: Freude, Hochgefühle, Verzweiflung, Verliebtsein, Trauer, Sehnsucht. All das finden wir in der Poesie. All das lieben wir an der Poesie. Was Wunder, dass es gerade die Liebe ist, die immer wieder in Gedichten zur Sprache gebracht wird, oder auch die Sehnsucht nach der Liebe, nach dem geliebten Menschen.

Wenn die Liebenden sich glücklich gefunden haben, lässt die Poesie manchmal nach, die Sehnsucht ist erfüllt. Oder erfüllt sich nicht. Kurt Tucholskys Gedicht Danach erzählt davon:
Es wird nach einem happy end

im Film jewöhnlich abjeblendt.

Man sieht bloß noch in ihre Lippen

den Helden seinen Schnurrbart stippen -- da hat sie nu den Schentelmen.
Na, un denn --?

Liebeslyrik in der Bibel, wie soll das gehen? Die Frage ist alt. Wie die Liebeslieder ihren Weg in die Bibel gefunden haben, weiß man nicht genau. Sie werden dem König Salomo zugeschrieben. Seit jeher haben sie Anstoß erregt, weshalb sie praktisch schon immer allegorisch ausgelegt wurden: Liebeslieder als eine Allegorie der Liebe Gottes zu seinem Volk Israel. Denn Gott liebt doch sein Volk. Im Christentum wurde die Liebe, die da zwischen zwei Menschen besungen wird, auf Christus und die Kirche bezogen. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, dieses Buch zu lesen: als Ausdruck der mystischen Einheit von Gott und der Seele des Menschen. Besonders bekannt sind dabei die Zeugnisse mittelalterlicher Mystiker und Mystikerinnen geworden. Neben dem Minnesang, der die unerfüllte Liebe zwischen Mann und Frau besingt, gibt es eine reiche Sammlung geistlicher Minnelieder. Dabei wird auch das Hohe Lied gern zitiert:

Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, ein verschlossener Born, ein versiegelter Quell.

Und in einem mittelalterlichen Lied an die Jungfrau Maria heißt es dann:
Du bist eine verschlossene Pforte, aufgetan dem Gotteswort,
du bist ohne Galle, wie die Turteltaube, Sancta Maria
Quelle, versiegelte, Garten verschlossener... Cedrus in Libano, Rosa in Jericho, du erlesene Myrrhe, du bist über alle Engel: Sancta Maria.

Verlassen wir das Hohe Lied der Liebe. Im neuen Testament wird, etwas abstrakter, auch über die Liebe nachgedacht. Wir haben das 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs gehört. Er endet in einer Dreiheit:
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

Die Liebe, schreibt Paulus, wird immer bleiben, sie wird am Ende zur Erkenntnis Gottes führen, die in unserem Leben immer wie der Blick in einen trüben Spiegel bleiben muss – Stückwerk, unvollkommen. Dann aber werde ich erkennen, wie ich schon immer erkannt bin von Gott. Im 1. Johannesbrief wird es dann noch weiter verkürzt: Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. Eine Formulierung, die nicht nur der derzeitige Papst aufgegriffen hat, sondern die auch vielen Menschen, die gar nichts mit Christentum und Kirche zu tun haben, eine Formulierung ist, die annehmbar erscheint. Gott ist die Liebe. Denn die Liebe, nicht nur die zwischen zwei Menschen, sondern überhaupt die Liebesfähigkeit des Menschen, erhellt immer wieder, auch in dunkelsten Zeiten unser Leben und macht es lebenswert. Wenn wir Liebe, Zuneigung, selbstlose Hilfe erfahren oder geben können, dann sind wir schon ein wenig getröstet, dann hat das Leben wieder Sinn.

Die mittelalterlichen Mystikerinnen haben viel über die Liebe nachgedacht und geschrieben. Dieser Abend reicht nicht aus, um auch nur die schönsten Texte zu zitieren. Ihre Erkenntnisse schilderten sie in Form von Visionen, einer mystischen Schau, die nicht beweisbar und ableitbar ist, wie theoretische Abhandlungen, aber auch schwerer zu widerlegen. Mir scheint die Form der Vision ein Mittel zu sein, sich Gehör zu verschaffen. Wir werden sehen, dass die Texte nicht nur innerlich sind, sondern auch viel mit der sie umgebenden Welt zu tun haben.

Beginnen will ich bei Hildegard von Bingen. Sie lebte im 12. Jahrhundert, wurde 81 Jahre alt. Sie lebte ab ihrem 8. Lebensjahr in Klöstern, war Medizinerin und Naturwissenschaftlerin, Beraterin und Kritikerin von Politikern und Geistlichen. Aber auch Mystikerin. Immer wieder beleuchtet sie das Verhältnis Gott – Schöpfung – Mensch. In einem Text lesen wir: „In einer wahren Schau meines Geistes, mit wachem Körper, sah ich ein überaus schönes Mädchen. Und ich hörte eine Stimme, die zu mir sprach: Das Mädchen, das du da siehst ist die Liebe. In der Ewigkeit hat sie ihre Heimat. Dann als Gott die Welt erschaffen wollte, da neigte er sich herab in der zärtlichsten Liebe. Und so bildete er in glühendem Liebeseifer alle seine Werke. Denn die Liebe war im Urgrund ihres Schöpfers immer schon da, als Gott sprach: Es werde! Und es ward. Wie in einem Augenblick wurde die ganze Welt da durch die Liebe gebildet. Die ganze Welt nennt daher auch dieses Mädchen „Herrin“. Denn aus der Liebe ist die Schöpfung hervorgegangen, weil die Liebe das Allererste war. Aus Liebe hat Gott sich um des Menschen willen mit der menschlichen Natur bekleidet“ Und etwas weiter: „Zum Wesen der Liebe aber gehört weiterhin, dass man sie sich ohne Flügel gar nicht denken kann“.

Liebe schildert sie als das Urprinzip der Schöpfung. Dass dies auch Konsequenzen für den Menschen in sich trägt, einen Auftrag bereithält, lesen wir hier: „Und ich hörte, wie sich mit einem wilden Schrei die Elemente der Welt an den Mann Gottes wandten. Und sie riefen: „Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns um mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit“. Ihnen antwortete der Mann: „Mit meinem Besen will ich euch reinigen und die Menschen so lange heimsuchen, bis sie sich wieder zu mir wenden. In der Zwischenzeit aber werde ich viele Herzen vorbereiten und hinziehen zu meinem Herzen“.
Liebe zu Gott, zur Schöpfung und zum Nächsten, das bedeutet für Hildegard, die vor 1000 Jahren lebte, Bewahrung der Schöpfung. Ein Thema, das uns nicht nur nicht loslässt, sondern aktueller ist als je zuvor.

Eine Frau darf nicht fehlen, wenn wir geistliche Liebesdichtung im Mittelalter bedenken: Mechthild von Magdeburg. Sie lebte im 13. Jahrhundert, also 100 Jahre nach Hildegard, auch sie lebte in Klöstern, auch sie wurde sehr alt. Ihr Werk: „Das fließende Licht der Gottheit“ ist eine Sammlung von Minneliedern zwischen Gott und der Seele. In diese visionären Gespräche verpackt, versucht Mechthild die Liebe zwischen der Seele und Gott zu beschreiben, äußert aber zum Teil auch harsche Kritik an der Kirche und an der Gesellschaft, in der sie lebt.


Drei Ausschnitte:

Gott spricht zur Seele: Ich komme zu meinem Lieb, wie der Tau auf die Blume.

Die Seele sagt:

Alles, was ich über die Liebe verkünde,

darf ich mir leider nicht zusprechen.

Vielmehr will Gott jene damit finden,

die er in seinem Herzen auserwählt hat.

Wen dies angeht, der empfindet es wohl:

Die Liebe macht leere Herzen voll.

Aber werden wir ganz zänkisch und unverträglich, wird uns der Liebe Spiel sehr unzugänglich.

Gute Nacht, Liebe, da ich nun schlafen will. Alleluja.

Die lautere Gottesliebe offenbart diese vier Dinge an sich:

Das erste: dass wir eines Willens sind mit Gott und dass wir, was immer uns geschieht, außer der Sünde, Gott dafür in Innigkeit Dank sagen.

Das zweite: dass wir die Gaben, die wir von Gott an Sieb und Seele haben, in richtiger Ordnung gebrauchen.

Das dritte: dass wir lauter leben in guten Sitten, ohne jede Sünde.

Das vierte: dass wir alle Tugenden an uns haben. O Weh! Wenn ich sie doch hätte und sie wahrhaftig in allen Sachen vollbrächte! Das wäre mir lieber als alle Kontemplation, von der ich je reden hörte. Was nützen erhabene Worte ohne barmherzige Werke? Was nützt Liebe zu Gott und Wut gegen gute Menschen? Du sagst: „Wollte Gott es mir geben, ich täte es gern.“

Höre aber: Die Tugenden sind zur Hälfte Gottes Gnade und zur Hälfte unsere eigene Tüchtigkeit. Wenn Gott uns Einsicht gibt, dann sollen wir die Talente gebrauchen.

Sind diese Texte einfach nur 900 oder 1000 Jahre weit von uns weg? Oder berühren sie uns noch? Manches berührt uns, weil es von der Sehnsucht nach Liebe spricht, die die wenigsten kalt lässt. Uns berührt gerade die Zweideutigkeit der Worte. Eine innige Liebe zu Gott, eine mystische Schau ist nicht das, was wir heute als Ausdruck unseres Glaubens suchen. Aber die Texte erinnern uns daran, dass es nicht gut ist, über Gott so zu reden, als sei er eine Sache, die man einfach hin und her wenden und von allen Seiten beleuchten kann. Die Texte erzählen von einer Beziehung zu Gott, sie zeugen von geistlichem Zartgefühl. So, wie wir auch die zwischenmenschlichen Dinge mit Zartgefühl betrachtet und behandelt wissen wollen, so dürfen wir das auch für den Glauben einfordern. Es kann ein Zufluchtsort sein in einer Welt, die längst nicht immer zartfühlend ist und dasselbe auch von uns zu fordern scheint.

Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. So einfach ist es und so schwierig.

Amen

Pfarrerin Viola Türk

 

Predigt als Download (PDF)

 

 

 

Letzte Änderung am: 15.02.2021