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Gottesdienste - DIGITAL

RSSPrint

Predigt an Rogate

Sonntag 9. Mai 2021

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde

... und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. Lukas 2, 35


Liebe Gemeinde,

heute soll Maria im Mittelpunkt unseres Interesses stehen. Auch wenn wir nicht katholisch sind und wir sie nicht als Heilige verehren.
Als ich mit 16 Jahren nach Erfurt zog, entdeckte ich eines Tages im Vorort Hochheim eine kleine Kapelle, die hieß: Maria am Wege. Wer schon einmal in Süddeutschland oder Österreich gewandert ist, wird auch solche Kapellen kennen. Gerade im Mai finden dort Andachten statt, der Altar wird mit Frühlingsblumen geschmückt. Maria am Wege. Eine schöne Bezeichnung für die Begegnung mit dieser interessanten Frau. Maria am Wege. Wir treffen sie unterwegs, in alltäglichen Situationen. Sie bleibt, auch wenn ihr berühmter Sohn erwachsen wird, Mutter mit allen Freuden und Sorgen.


Natürlich denken wir zunächst, wenn wir den Namen Maria hören, an Weihnachten, an die vielen Bilder von der Weihnachtsgeschichte, die wir kennen, als zweites fällt uns vermutlich die Begegnung Marias mit Elisabeth ein, zu der das Magnificat gehört, das zu Beginn erklang und dessen Text auf dem Liedblatt abgedruckt ist. Die Geschichte von Jesu wahren Verwandten, die Markus uns aufgeschrieben hat, ist vielleicht nicht jedem von uns so in Erinnerung. Hier ist Jesus als erwachsener Mann bereits von zu Hause weggegangen. Er ist nicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten, hat die Firma nicht übernommen. Die Eltern mussten sich damit abfinden, dass ihr Sohn anders ist als sie es sich einmal erhofft hatten. Eigensinnig und seltsam. Er wird Wanderprediger und Heiler, er wird berühmt und ist umstritten. Er sammelt begeisterte Anhänger und erregt Widerspruch. Nun kommt er zurück. Die Eltern und Geschwister wollen ihn wiedersehen:
Und er ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten.


Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen
. So schildert es Markus. Das ist nicht direkt ein Familienidyll. Die Familie hält ihn für verrückt und will ihn mit Gewalt mitnehmen und seinem Treiben, das sie nicht verstehen, ein Ende bereiten. Was folgt, ist dann diese enttäuschende Szene, in der Jesus sich lossagt von seiner Familie:
Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich.
Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.


Keine schöne Geschichte. Das möchte man nicht erleben als Mutter, als Vater, Bruder oder Schwester. Und noch eine kleine Szene in einer aufsehenerregenden Geschichte gibt es zwischen Mutter und Sohn, die nicht gerade Mut macht: Bei der Hochzeit von Kana, wo Mutter und Sohn geladen sind, Auch Maria, Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.
Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!

So geht es Müttern, wenn sie ihren erwachsenen Kindern einen Tipp geben wollen, was sie zu tun haben. Jesus tut genau das, was die Mutter erwartet, aber er will nicht von ihr den Auftrag dazu bekommen. Er will es aus eigenem Antrieb tun.
Was willst du von mir, Frau? Ich vermute, jede Mutter ist entsetzt, wenn ihre Kinder so mit ihr reden.


Man kann also feststellen: während Jesus mit seinen Jüngern durch Galiläa wandert, und das waren vermutlich etwa drei Jahre, da herrschte ziemliche Stille zwischen ihm und seiner Familie. Der Vater Joseph taucht gar nicht mehr auf, die Mutter höchstens in Nebensätzen. Offenbar spielt sie für diese Zeit keine Rolle in seinem Leben. Er ist erwachsen, er hat seinen Weg gefunden und Freunde und Begleiterinnen. Er wird wohl nicht einmal die Woche zum Essen nach Nazareth gekommen sein, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Ein normales Verhältnis zwischen Mutter und Sohn, zwischen Ausreißer und Familie? Oder doch eher ein abgekühltes? Bei Markus und Johannes tritt Jesus extrem abweisend auf.


Interessanterweise treffen wir Maria erst ganz am Ende wieder: unter dem Kreuz Jesu steht sie mit anderen Frauen und mit Johannes Die Phantasie und die Kunst füllen die Lücken im Text. Seit dem Mittelalter gibt es, gar nicht so viele, Darstellungen Mariens mit dem Leichnam Jesu. Eine besonders eindrückliche Pietá findet sich in Erfurt. Sie merken schon: in Erfurt, wo es eben auch katholische Christen gibt, da war mein erstes Zusammentreffen mit Maria. Die Mutter hält den toten, gemarterten Sohn wie ein Kind auf dem Arm. Sie trägt ihn, so dass die beiden Körper ein Kreuz bilden. Sie schaut ihn an und ihre Züge sind vom Schmerz gezeichnet. Aber sie schaut hin, sie hält es aus, sie wendet sich nicht ab. Sie bleibt bei der kleinen Gruppe von Menschen, die ihn ins Grab legen. Am Ostermorgen will sie den Leichnam ihres Sohnes salben. Da ist er auferstanden und es beginnt eine andere, eine neue Geschichte.


Lukas hat ihr Leben vorausschauend beschrieben: ... und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. Das sagt der alte Simeon, den Maria und Joseph im Tempel treffen, als sie den Neugeborenen dorthin bringen. Und er segnet beide.
Was erzählt uns das Leben von Maria? Es ist die Geschichte einer Frau, die furchtlos dem Leben gegenübersteht. So wird sie uns geschildert, als der Engel ihr sagt, dass sie als Unverheiratete ein Kind bekommen wird. So wird sie uns in der Weihnachtsgeschichte beschrieben: eine junge Frau, hellwach für das, was um sie herum geschieht, eine Frau, die Hirten und ihrer Erzählung von den Engeln ebenso sicher begegnet wie Sterndeutern aus dem Morgenland. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Eine kluge und nachdenkliche Frau, die Vertrauen zeigt auf Gott und Vertrauen darauf, dass, egal, was ihr und ihrem Sohn zustoßen wird, dies etwas ist, was sie bereit ist, anzunehmen.


Nichts von alldem wird sie vorher geahnt haben. Weder, dass ihr Sohn sie in eines Tages zurückweisen wird, noch, dass er so ein schreckliches Ende nimmt. Gefasst nimmt sie alles hin. Das ist bewundernswert. Und da sie unter dem Kreuz wieder erscheint, darf man vermuten, dass sie aus der Ferne den Weg ihres Sohnes verflogt hat, ohne ihn wieder und wieder umstimmen zu wollen, ohne ihn zurückholen zu wollen in den Schoß der Familie nach diesem einen unglücklichen Zusammentreffen, das uns Markus erzählt. Sie hat ihn ziehen lassen, sie hatte getan, was sie tun konnte, nun musste er sein eigenes Leben leben. Vielleicht wusste sie, dass er, genau wie sie, ein unerschütterliches Vertrauen auf Gott hatte? Es wird uns nicht erzählt. Wir können nur mutmaßen.


Von Maria, der furchtlose Frau wird nicht einmal berichtet, dass sie aus Angst gehandelt hätte. Immer hat sie sich den Herausforderungen des Lebens gestellt. Sie musste lernen, mit dem Verlust ihres Sohnes zu leben. ... und deine Seele wird ein Schwert durchdringen.  
Das ist etwas, womit wir heute nicht mehr rechnen. Ich erlebe viel Angst bei Eltern, Angst, die sie auch auf ihre Kinder übertragen. Tu dies nicht, mach das nicht, es könnte dir schaden und uns sehr sehr traurig machen.


Woher hat Maria ihre Zuversicht genommen? Wir haben heute die Lesung aus Jesus Sirach gehört, die erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Magnificat aufweist:
Er bevorzugt niemanden gegenüber einem Armen, die Bitte eines ungerecht Behandelten wird er erhören.
Er missachtet nicht den Hilferuf der Waise und die Witwe, wenn sie ihren Jammer ausschüttet.
Und er wird für die Gerechten entscheiden und ein Urteil fällen. Und der Herr wird gewiss nicht zögern und nicht langmütig sein gegen die Unbarmherzigen. (Jesus Sirach, 35)


Und Maria singt:
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut,
die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit.


In diesem Vertrauen und dieser Zuversicht hat Maria gelebt. Das macht sie zu einer Frau, die uns immer noch etwas zu sagen hat.

Amen

Pfarrerin Viola Türk

Letzte Änderung am: 12.05.2021