Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen

Gottesdienste - DIGITAL

RSSPrint

Predigt - Sonntag Sexagesimae

7. Februar 2021

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde


(Foto: © Viola Türk)


Liebe Gemeinde,

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.
Diese Worte aus dem Psalm 119 haben wir am Sonntag im Gottesdienst gesprochen. Es geht in dieser Woche um Hören, Sehen und Verstehen. Jesus erzählt ein Gleichnis, in dem das Wort Gottes verglichen wird mit Saatkörnern, die der Bauer streut.
Sie fallen auf verschiedenen Boden, gehen auf oder auch nicht, gedeihen oder verdorren. Dieses Gleichnis hören wir im tiefsten Winter. Die Felder liegen verschneit, die Gärten auch, auf den Straßen herrscht Chaos. Wer einen Garten hat, weiß: jetzt ist es an der Zeit zu planen für das kommende Gartenjahr.
So lehrt uns das Gleichnis, wenn wir es ernst nehmen, dass es für jedes Vorhaben auch immer den richtigen Zeitpunkt gibt. Nicht immer ist Zeit zu handeln. Für uns in den Gemeinden herrscht jetzt auch so etwas wie Winterruhe. Die Zeit wird kommen, in dem alles wieder lebendig wird.

Herzlich grüßt Sie Ihre Pfarrerin
Viola Türk


Lukas 8:
4

Als sich aber eine große Volksmenge versammelte und Menschen aus allen Städten zu ihm kamen, sprach er in einem Gleichnis: 5 Ein Sämann ging hinaus, um seinen Samen auszusäen. Als er säte, fiel ein Teil auf den Weg und wurde zertreten und die Vögel des Himmels fraßen es. 6 Ein anderer Teil fiel auf Felsen, und als die Saat aufging, verdorrte sie, weil es ihr an Feuchtigkeit fehlte. 7 Ein anderer Teil fiel mitten in die Dornen und die Dornen wuchsen zusammen mit der Saat hoch und erstickten sie. 8 Und ein anderer Teil fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfach Frucht. Als Jesus das gesagt hatte, rief er: Wer Ohren hat zum Hören, der höre! 9 Seine Jünger fragten ihn, was das Gleichnis bedeute. 10 Da sagte er: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen. Zu den anderen aber wird in Gleichnissen geredet; denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen.


Liebe Gemeinde,


beginnen wir mit dem Ende:

9 Seine Jünger fragten ihn, was das Gleichnis bedeute. 10 Da sagte er: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen. Zu den anderen aber wird in Gleichnissen geredet; denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen.

Warum macht Jesus diese Unterscheidung? Ist es Tatsache, dass einige Menschen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen? Erstmal ist es ja frustrierend, auf diesen Unterschied hingewiesen zu werden. Und wenn das so ist: zu welcher Gruppe gehören wir?
Ich glaube, man kann das nicht absolut sehen. Wir wissen von uns, dass wir in Situationen, die uns schwierig erscheinen, gern die Augen verschließen, nicht sehen wollen, was doch offenbar ist. Es ist eine Erfahrung, dass wir Dinge zwar hören, aber nicht verstehen. Jeder und jedem von uns fallen da sicher Begebenheiten aus dem eigenen Leben ein: wir sehen, dass etwas aus dem Gleichgewicht gekommen ist, dass etwas nicht stimmt – mit einer Freundin, mit dem eigenen Kind, mit den Kollegen. Aber wir wollen nicht so genau hinsehen, wir wollen es nicht wahrhaben. Wir sehen und sehen doch nicht, weil es uns zu nahekommt, weil wir Veränderungen, die erfordern, dass wir nicht einfach so weitermachen, wie bisher, wegschieben wollen.


Dass wir hören und nicht verstehen, dass liegt, denke ich, noch mehr auf der Hand. In einer Welt, in der wir von Nachrichten überflutet werden, fällt es mir, nicht immer leicht, die Fülle der Nachrichten zu einem sinnvollen Ganzen zusammen zu setzen, weil mir manchmal ein wichtiges Bindeglied dann doch fehlt. Oder habe ich es überhört? Wir hören Nachrichten, wir informieren uns im Internet, wir hören Kommentare, aber verstehen wir wirklich alles? Oder plappern wir nicht oft nur nach, was wir gehört haben? Die Nachrichten, die seit fast einem Jahr an erster Stelle stehen, haben mit Corona zu tun. Wir hören sie, wir sind verunsichert über das Ausmaß, aber verstehen wir das Ganze? Wie könnten wir uns das anmaßen, wo doch auch die Experten noch am Suchen und Finden sind.


Jesus aber erzählt ein Gleichnis und, wie er den Jüngern hinterher sagt: es ist ein Gleichnis über die Geheimnisse des Reiches Gottes. Es ist also, im Gegensatz zu den Beispielen, die ich bisher aufgezählt habe, ein Gleichnis, das etwas Gutes zu verstehen geben soll. Umso mehr erstaunt uns, dass auch dieses Gleichnis im Sinn einigen der Zuhörer verborgen bleiben soll. Oder sogar der Masse der Zuhörer, denn es wird ja betont, dass es eine große Volksmenge ist, zu der er spricht, am Ende aber wendet er sich an seinen Kreis von Vertrauten. Wäre es nicht gut, von den Geheimnissen des Reiches Gottes so zu sprechen, dass möglichst vielen dieses Geheimnis entdeckt wird? Was hier wie Absicht klingt: die Wahrheit wird nur einem kleinen Kreis offenbart (Verschwörungstheorien lassen grüßen!), ist meines Erachtens nicht mehr als eine Tatsachenbeschreibung: nicht viele haben einen Zugang dazu. Die Freunde Jesu, die ihm ganz nahe stehen, sollten es aber verstehen.


Jesus erzählt von einem Bauern, der Saat in die Erde bringt. Uns muss bewusst sein, dass da nicht von hochtechnisierter Landwirtschaft die Rede ist, die uns heute vor Augen steht: über einen tiefgeplügten Acker fährt ein Traktor, GPS-gesteuert, die Saatrillen sind wie mit dem Lineal gezogen, alles ist genau berechnet: die Menge des Saatgutes, die Menge der Pestizide. Hier soll nur z.B. Mais wachsen, kein Unkraut, das den Mais erstickt, wie im Gleichnis die Dornen. Aber alles steht auch heute nicht in der Hand des Bauern. Wenn man die Sondershauser Straße bis zum Ende geht und über den ehemaligen Mauerstreifen hinweg, kommt man an ein Feld. Als ich im letzten Herbst dort spazieren ging, wurde Getreide gedrillt. Ich, die ich fünf Jahre auf dem Land gelebt habe, traute meinen Augen nicht: Die Städter liefen direkt über das Feld, trampelten die Rillen fest, weil: dort ist immer ein Weg zum Wald. Kaum gesät, hatte das Getreide keine Chance zu wachsen. Es wird zertreten werden, wie es auch im Gleichnis erzählt wird. Ich dachte, der Bauer würde wutentbrannt aus dem Traktor springen, aber er ließ es geschehen. Dann, so erzählt Jesus, gibt es Samen, der auf Felsen fällt, er wird vertrocknen. Auch in unseren Breiten gab es schon Jahre, in denen das Korn vertrocknete, weil kein Regen fiel. So kann uns eine schlichte Beispielgeschichte aus dem Neuen Testament eine Tatsache noch einmal deutlich machen: Wir arbeiten, wir bemühen uns, wir wollen Gutes bewirken, aber nie werden wir 100%igen Erfolg haben. Immer gibt es Gegebenheiten, die einiges von unserem Tun zunichte macht. Einiges aber geht auf, wie ein Samenkorn. In einem anderen Gleichnis vergleicht Jesus ja auch das Reich Gottes mit einem Senfkorn. Klein und unscheinbar ist es und wächst doch zu einer ansehnlichen Pflanze heran. Wenn wir säen, wenn wir arbeiten, wenn wir uns bemühen, wissen wir noch nicht genau, was eigentlich davon aufgehen wird wie eine Pflanze.


Nun geht uns dieses Gleichnis etwas an, denn als Kirchengemeinde ist es ja unsere Aufgabe, das Reich Gottes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wir wollen nicht nur davon sprechen, sondern es auch sichtbar machen. Wir versuchen so einiges, was davon fällt auf fruchtbaren Boden? Was wird zertrampelt, was vertrocknet? Die beruhigende Mitteilung: es liegt nicht allein an uns. Wenn aber etwas davon gelingt, so verspricht Jesus, wird es 100fach Frucht bringen. Das ist für die Landwirtschaft vor 2000 Jahren natürlich grandios übertrieben. Für unser Wirken vielleicht auch, aber es macht Hoffnung, dass unser gemeinsames Bemühen, das Reich Gottes sichtbar zu machen, von Erfolg gekrönt sein kann.


Jesus erklärt es seinen Jüngern so:

11 Das bedeutet das Gleichnis: Der Samen ist das Wort Gottes.

Die folgenden Erklärungen sind zeitgebunden und brauchen heute wiederum Erklärungen:

12 Auf den Weg ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort hören; dann kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden. Die Erwähnung des Teufels kann uns hier auf eine falsche Fährte führen: es geht hier um das Verständnis vom Wort Gottes. Der Sitz des Verstandes ist nach damaliger Vorstellung das Herz, nicht der Kopf. Wem also das Wort vom Reich Gottes zertrampelt wird, der kann es nicht mehr verstehen. Das leuchtet uns ein. Dass Gedanken von Menschen, auch gute Gedanken, zertrampelt werden, erleben wir leider immer wieder.

13 Auf den Felsen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort freudig aufnehmen, wenn sie es hören; aber sie haben keine Wurzeln: Eine Zeit lang glauben sie, doch in der Zeit der Prüfung werden sie abtrünnig. Menschen ohne Wurzeln, Menschen, denen Hoffnung und Trost verloren gehen, auch das ist uns nicht fremd.

14 Unter die Dornen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort hören, dann aber hingehen und in Sorgen, Reichtum und Genüssen des Lebens ersticken und keine Frucht bringen. Diese Erklärung verstehen wir immer noch. Interessant scheint mir, dass sowohl zu viele Sorgen als auch zuviel Reichtum unseren Blick auf das Reich Gottes verstellen können. Dass zum Handeln der Kirche immer auch der Ruf nach Gerechtigkeit gehört und soziales Handeln ergibt sich daraus.

15 Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und feinem Herzen hören, daran festhalten und Frucht bringen in Geduld. Hier taucht es noch einmal auf, das Herz: ein gutes, ein feines Herz wird an der Botschaft vom Reich Gottes festhalten, es wird diese Botschaft verstehen und in Geduld Frucht bringen.

Hier ist nicht die Rede von vier Arten von Menschen. Es ist die Rede von vier Möglichkeiten, das Wort Gottes zu hören und zu erkennen: Gottes Reich ist schon mitten unter uns. Niemand von uns kann von sich behaupten: so und nicht anders als eine der der vier Arten ergeht es mir, zu dieser Gruppe gehöre ich. Wir durchwandern diese vier Möglichkeiten im Laufe unseres Lebens immer wieder von Neuem. So wie im Herbst oder im Frühjahr gesät wird und dann das Getreide wächst, geerntet wird und der Kreislauf von neuem beginnt, so ist auch unsere persönliche Geschichte mit dem Wort Gottes ein lebenslanger Prozess. Gesät wird immer wieder neu. Dafür dürfen wir dankbar sein.

Amen

 

Predigt als Download (PDF)

Letzte Änderung am: 08.02.2021