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Gottesdienste - DIGITAL

RSSPrint

Predigt an Kantate

Sonntag 2. Mai 2021

Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde

Der Geist des HERRN war von Saul gewichen und ein böser Geist vom HERRN verstörte ihn. Da sagten die Diener Sauls zu ihm: Du siehst, ein böser Geist Gottes verstört dich. Darum möge unser Herr seinen Knechten, die vor ihm stehen, befehlen, einen Mann zu suchen, der die Leier zu spielen versteht. Sobald dich der böse Geist Gottes überfällt, soll er spielen; dann wird es dir wieder gut gehen. Saul sagte zu seinen Dienern: Seht euch für mich nach einem Mann um, der gut spielen kann, und bringt ihn her zu mir! Einer der jungen Männer antwortete: Ich kenne einen Sohn des Betlehemiters Isai, der zu spielen versteht. Da schickte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Schick mir deinen Sohn David! So kam David zu Saul und trat in seinen Dienst; Saul gewann ihn sehr lieb. Sooft nun ein Geist Gottes Saul überfiel, nahm David die Leier und spielte darauf. Dann fühlte sich Saul erleichtert, es ging ihm wieder gut und der böse Geist wich von ihm. (1. Samuel 16)

Als er sich schon dem Abhang des Ölbergs näherte, begann die Schar der Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten.
Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe!
Da riefen ihm einige Pharisäer aus der Menge zu: Meister, weise deine Jünger zurecht!
Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien. (Lukas 19)


Liebe Gemeinde,

singen, schreien, sprechen, flüstern, ganz verschieden können wir unsere Stimme modulieren. Vieles davon kommt bei den Gedanken zum Sonntag „Kantate, Singt!“ vor. Die beiden Texte, die wir heute gelesen haben, haben eine Gemeinsamkeit: sie beginnen in einer schwierigen Situation. Die Geschichte von König Saul schildert ihn, als er bereits in eine tiefe Krise geraten ist. Der Geist Gottes ist von ihm gewichen, er ist ein glückloser König geworden, ein unglücklicher Mensch. Der böse Geist, der uns in der Geschichte vorgestellt wird, würden wir heute als Depression bezeichnen. Oder als depressive Stimmung. Vielleicht auch Paranoia. Wir müssen keine Diagnose stellen, aber wir kennen Menschen, die unter ähnlichen Verstimmungen leiden, die sich zu nichts mehr aufraffen können, die verstört sind, wie die Diener des Königs feststellen. Nichts scheint zu helfen. Sie kommen auf die Idee, dass Musik helfen könnte. Dies ist also eine der ersten Schilderungen von der therapeutischen Wirkung von Musik. Es wird ein Leier- oder, wir könnten auch sagen, Harfenspieler gesucht. Nicht die menschliche Stimme ist hier das Entscheidende, sondern die Musik an sich. Als der beste Harfenspieler ist David, ein junger Hirtenjunge, Sohn des Isai aus Bethlehem, bekannt. Er wird an Sauls Hof geholt, die Therapie hat Erfolg – erstmal, müssen wir leider feststellen. Später gelangt auch David mit seinem Harfenspiel an Grenzen. Saul versucht, ihn mit dem Speer zu erschlagen, David kann sich gerade noch wegducken. Musik gegen Trauer und Traurigkeit, Musik als Mittel gegen Depression. Das ist kein Zufall. Wir wissen inzwischen, dass keine Kunst so unmittelbar unsere Gefühle beeinflussen kann wie die Musik. Sie beeinflusst, sofern wir nicht Profis sind und, während wir Musik hören, sie auch gleich analysieren, über unsere rechte Hirnhälfte direkt unser Gefühl. Das schafft kein Gedicht, kein Roman, kein Bild auf diesem direkten Weg.

Musik, wenn wir nicht gerade in Trauer sind, kann uns vom Hocker reißen im wahrsten Sinne des Wortes, sie kann uns in die Beine gehen, wir wollen uns dazu bewegen oder mitsingen, wenn es niemand hört. Wenn uns die Musik gefällt. Musik kann ein ganzes Stadion zum Toben bringen, Musik wird in Form von Militärmärschen benutzt, um Menschen im Gleichschritt marschieren zu lassen. Musik hat die Sklaven auf den Baumwollfeldern getröstet und ihnen gleichzeitig den Rhythmus zum Arbeiten gegeben. Musik ist ein flüchtiges Medium. Vorbei ist vorbei, verklungen, im nächsten Moment bereits Erinnerung. Nichts und niemand kann das noch einmal genau so hervorbringen.

Genau genommen erzählen beide Geschichten heute von Geräuschen, aber keine vom Singen.

Was ist die Situation der zweiten Geschichte? Eine ganz andere. Sie ist eine Momentaufnahme. Jesus und seine Jünger sind unterwegs nach Jerusalem. Viel Elend haben sie unterwegs gesehen: zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten, Kranke, Sterbende, bedrückende Armut und Reiche, die sich nicht scheren um die Not anderer. Der Zolleinnehmer Zachäus, der kurz zuvor zu der Gruppe dazugestoßen ist, ist eine löbliche Ausnahme, ändert aber noch nichts an den grundlegenden Ungerechtigkeiten und Verwerfungen. In dem verstörenden Gleichnis von den anvertrauten Pfunden prangert Jesus die zerstörerische Macht derer an, die über Reichtum verfügen und sich vor allem darum kümmern, dass dieser Reichtum stetig zunimmt. Sollten Sie Parallelen zu heutigen Zuständen darin sehen, so sind diese natürlich ganz zufällig und ungewollt. Ich muss Ihnen die Firmen nicht sagen, deren Gewinne utopisch gestiegen sind im letzten Jahr.

Singen die Jünger deshalb: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe? Nicht Frieden auf Erden, wie die Engel zu Weihnachten singen, sondern: Im Himmel Frieden und Ehre (Gottes) in der Höhe. Die Jünger wissen so gut wie Jesus: Frieden auf Erden, völliger, umfassender Frieden, der Gerechtigkeit und Liebe bringt, den wird es nicht geben auf der Erde. Und doch sind sie ganz verzückt und begeistert von den kleinen und großen Wundern, die Jesus geleistet hat, um hier und da Not zu lindern. Nicht die Jerusalemer Bevölkerung jubelt hier, sondern Jesu Anhänger, noch vor den Toren der Stadt, in der Nähe des Ölbergs. Die Pharisäer, die hier auftreten, sind nicht die Bösewichter und Dunkelmänner, als die sie uns lange geschildert wurden: sie erweisen sich als Kenner der Lage in Jerusalem, als politisch weitsichtig. Ihre Sorgen sind berechtigt: sie kennen die Vergeltungsmaßnahmen der Römer, wenn diese den Eindruck haben, der Frieden des Reichs sei gefährdet. Sie wollen Jesus und seine Jünger warnen: seid doch nicht so auffällig und laut, sie wollen auch Jesus vor Schlimmem bewahren. Es wird ihnen nicht gelingen. Es kann niemandem gelingen. Denn Jesus will es so.

Er fährt den Pharisäern über den Mund: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien. Was dann folgt und wir nicht gehört haben, ist die Klage Jesu über Jerusalem. Er steht vor den Toren der Stadt – vom Ölberg aus hatte man damals genau wie heute auch noch – ein fantastisches Panorama von Jerusalem. Im Vordergrund der zu Jesu Zeiten riesige Tempel, wie eine Stadt für sich. Lukas weiß, was Jesus noch nicht wissen konnte: dass dieser wunderbare riesige Tempel zerstört werden würde bis auf die Grundmauern. Unter dieser Erschütterung ist das Lukasevangelium entstanden. Und der Schauer der Geschichte ist größer als: ich werde nie wieder sehen, was Jesus gesehen hat, sondern es war klar: einen dritten Tempel wird es nicht, vielleicht nie mehr geben. Das traf alle Juden, nicht nur Lukas ins Mark. Das war mehr als eine zerstörte Stadt, das Zentrum des Glaubens und des Kults war zerstört. Eine Epoche war endgültig zu Ende gegangen. Es begann die Diaspora des Judentums. Das ließ auch die Christen, von denen ja einige zuvor Juden, wie Jesus, gewesen waren, nicht kalt. 

Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien. Lukas könnte das mit Blick auf das zerstörte Jerusalem und den zerstörten Tempel geschrieben haben. Aber es ist auch ein Bekenntnis, dass der Schrei der Menschheit über Ungerechtigkeit und Zerstörung nie verstummen wird. Trümmer sprechen zu uns, Grabsteine sprechen zu uns. Und sie schreien zu Gott. Schon der Prophet Habakuk hat das formuliert:
Wie lange, HERR, soll ich noch rufen und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht. ... Weh dem, der zusammenrafft, was nicht ihm gehört, wie lange noch? - und sich an Geldgeschäften bereichert. ... Weh dem, der für sein Haus unrechten Gewinn sucht und sich hoch droben sein Nest baut, um dem drohenden Unheil zu entgehen! ... Es schreit der Stein aus der Mauer und der Sparren gibt ihm Antwort aus dem Gebälk. ... Seine Hoheit überstrahlt den Himmel, sein Ruhm erfüllt die Erde. ... Ich aber will jubeln über den HERRN und mich freuen über Gott, meinen Retter.


Schreien, Klagen, Flüstern, Singen und Jubeln zu Gott. All das ist möglich. In jeder Lebenslage, in jeder Stimmlage. Daran erinnert uns dieser Sonntag.

Amen

Pfarrerin Viola Türk

Letzte Änderung am: 05.05.2021